Wurzeln sind für den Baum wie das Gehirn für den Menschen

 Wenn manche Häuser der Menschen mit der Fähigkeit ausgestattet werden, Fenster und Rolläden selbständig schließen und öffnen zu können, so haben Pflanzen eine vergleichbare Tätigkeit (mit ihren Poren) längst bis zur Perfektion entwickelt.

 

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Pflanzliche Organismen haben ein Bewusstsein davon, was ihnen nutzt und was ihnen schadet. Wurzeln sind für den Baum wie das Gehirn für den Menschen. So findet man in alten Wäldern, die sich über die Zeit hinweg auch selbst überlassen wurden, dürre Ästchen aus dem Laubboden herausragend. Und ist erstaunt zu hören, dass dies hundertjährige Krüppel seien. Denn in jedem Jahr wuchs eine solche Buche nur gerade einen Zentimeter: fast kein Licht lässt Mutter Baum ihren Kindern. Gerade dies befähigt diese, wenn ihre Stunde dann einmal gekommen ist, dazu sehr alt zu werden. 

 

Über das deutsche Bildungssystem ist ein Sturm an Kompetenzen hereingebrochen, von den Lehrenden werden sowohl Kompetenzorientierungskompetenz als auch Durchhaltevermögenskompetenz gefordert: der gesamte Bildungsweg wird in kleine Kompetenzschnitzel zerschnitten. Die deutsche Bildungspolitik verfolgt das Ziel, möglichst viele Studenten in möglichst kurzer Zeit durch das Bildungssystem zu schleusen. Dafür werden abstrakte Kompetenzen erfunden, die so zerstückelt werden, dass damit alles angeblich objektiv messbar gemacht werden kann: es werden immer wieder neue Kompetenzen erfunden, denn Omnikompetenz zu hundert Prozent ist nie erreichbar.

 

Ein modernes Paradox: Informationswachstum kann Wissensarmut erzeugen. Nicht jede Information wird zu Wissen. Dafür braucht es Selektion und Interpretation

 

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Jörg Becker Friedrichsdorf

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